Ein fast perfeker Tag

Es ist 6.30 Uhr und wie so oft wache ich davon auf, dass die Sonne in mein Zimmer scheint. Eine schöne Art, den Tag zu beginnen. Obwohl ich noch gut eine Stunde schlafen könnte, schiebe ich mein Moskitonetz zur Seite uns stehe auf. Puh, der Fußboden ist kalt, schnell dicke Socken anziehen. Da die Temparaturen nachts schon deutlich sinken, begnüge ich mich meist mit einer Katzenwäsche. Aber heute will ich mir noch die Haare waschen und auch nach 3 Monaten Übung dauert die Prozedur mit Eimer und Messbecher eben so seine Zeit.
Nachdem ich dann auch noch meine Wäsche eingeweicht habe, ist es auch schon Zeit, zum Frühstück zu gehen. Aus Erfahrung weiß ich, bei Puri gibt es Post und so hoffe ich auch diesen Morgen wieder auf mein Lieblingsfrühstück aus Teigfladen und Kartoffel-curry. Und tatsächlich, als wir die Kantine betreten, steht schon ein eine große Schüssel, der Fladen, die sich in der Pfanne aufblähen wie Luftballons auf dem Tisch. Meine Chancen auf Post sind gerade exponentiell gestiegen.
Und im Laufe des Tages erreicht mich wirklich eines der lang ersehnten “Care-Pakete” von Zuhause. Als sei das noch nicht genug, spaziert kurze Zeit später auch noch eine Krankenschwester aus Deutschland herein, die jedes Jahr einige Monate in Indien verbringt und in den Dörfern medizinische Hilfe leistet.
Es ist schon komisch, plötzlich ein weißes Gesicht zu sehen, das nicht entweder mein eigenes im Spiegel, oder das meiner Mitfreiwilligen ist.
Nachdem wir mit unserer netten neuen Bekannten sogleich einige Unternehmungen geplant haben, kommen wir gerade noch rechtzeitig zur wöchentlichen Mitarbeiterversammlung. Netterweise findet diese diesmal auf Englisch und nicht auf Oriya statt, so dass wir auch verstehen können, worüber gesprochen wird und nicht wie sonst die Zeit damit verbringen, psychologische Studien über Gestik und Mimik unserer Mitmenschen anzustellen.
Nachmittags fahren wir dann in eines der nahegelegenen Dörfer, in dem ein neues Kinderhilfsprojekt eingeführt wurde. In dem Dorf leben Adivasi (Ureinwohner Indiens) des Porja-Stammes, die zu einer der benachteiligtsten Klassen Indiens gehören. Wir werden aufgeregt begrüßt und auch wenn einige der Dorfleute uns Weißen gegenüber ein wenig schüchtern sind, so ist das allgemeine Interesse doch gross. Schnell werden die geflochtenen Sitzmatten auf dem Boden ausgebreitet und wir werden eingeladen, an der Dorfversammlung teilzunehmen. Der Anführer der Dorfes erzählt uns bereitwillig von der Geschichte ihrer Entwicklung, die in den 1980er Jahren mit der ersten Intervention von WIDA ihren Anfang nahm. Zu der Zeit mussten die meisten der Dorfleute als Schuldknechte für die höhergestellte Kaste im Nachbardorf arbeiten. Dass das Kastenwesen seit 1947 offiziell abgeschafft ist, machte für die Porjas nur wenig Unterschied und die Armut im Dorf war groß. Mit WIDAs Hilfe konnten sich die Menschen aus dem ungerechten Arbeitsverhältnis befreien und heute bestellen sie ihr eigenes Land. Dadurch haben sie nicht nur Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf, sondern können auch einen Teil verkaufen, so dass sie ein wenig Bargeld einnehmen.
Als uns dann zum Abschied aber auch wirklich jeder die Hände schütteln will und eine Traube Kinder winkend hinter unserem Auto herläuft, da ist mein Tag perfekt und auch das Fisch-Curry, das es zum Abendessen gibt, kann mein Hochgefühl nicht mindern.

(erschienen in Ultimo Dezember 2008)

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