Ein Dorf ist ein Dorf ist ein Dorf?

Höher, höher und immer höher ruckelte unser Jeep den Berg hinauf. Der Nebel war mittlerweile so dicht geworden, dass ich den Abgrund links von uns und die fast senkrechte Felswand rechts von uns nicht einmal mehr erahnen konnte.

Als wir das kleine Bergdorf, in dem wir die Nacht verbringen sollten, erreichten, bot sich uns ein unwirklicher Anblick. Offensichtlich hatte man uns schon erwartet, denn durch die dichten Nebelschwaden sah man die verschwommenen Gestalten der versammelten Dorfbewohner. Barfuß, in Decken und Tücher gehüllt, verfolgten sie schweigend unsere Ankunft. ZU dem Nebel hatt sich ein konstanter Sprühregen gesellt und ich fühlte mich wie in der himmlischen Waschküche. Oder war es die höllische?
Schnell wurden wir in eine kleine Lehmhütte verfrachtet, wo es zwar nicht warm, so aber doch wenigstens trocken war. Durch die Türöoffnung sah ich abwechselnd Ziegenfüße, Kuhhufe und Hundepfoten vorbei laufen und dass der Hahn, den ich eine ganze Weile beobachtet hatte, unser Abendessen werden würde, wusste ich zu dem Zeitpunkt zum Glück noch nicht. Ich halte es auch immer noch für eine Schutzreaktion meines Körpers auf den Schock, neben den restlichen Hühnern auf dem Boden zu schlafen, dass ich in jener Nacht überhaupt ein Auge zu getan habe.
Am nächsten Morgen wurden wir vom Schrei des Nachbarhahnes geweckt. Der war offensichtlich noch nicht im Kochtopf gelandet und ließ ab 4:00 Uhr morgens im Viertelstundentakt seine Stimme erklingen. An jedem anderen Tag hätte ich das Federvieh vermutlich verflucht, doch heute war ich richtiggehend dankbar, bedeutete sein Schrei doch, dass wir unserer Rückkehr in die Zivilisation bedeutend näher gekommen waren. Einige Frauen interpretierten unser suchendes umher schauen richtig und führten uns quer durch den Gemüsegarten zum Frauenwaschplatz. Ich weiß nicht, was sie gedacht haben, als wir uns bunte Plastikstäbe in den Mund schoben und kurz darauf zwar kein Feuer, so aber doch eine Menge weißen Schaum ausspuckten. Ob sie die Prozedur als Zähneputzen erkannt haben, weiß ich nicht, betreiben die Menschen dort ihre Zahnhygiene doch lediglich mit kleinen Zweigen. Mehr oder weniger frische gewaschen, beobachteten wir anschließend die Frauen bei ihren allmorgendlichen Tätigkeiten. Wasser holen an der Pumpe, Hühner füttern, Kinder waschen, etc. Nach einem leichten Frühstück kehrten wir erleichtert, aber noch etwas benommern ob dieser Erfahrung zurück in unsere Welt. Zurück zu fließendem Wasser und einer Toilette, die mehr ist, als ein lehmiger Acker abseits des Dorfes.
Für die Dorffrauen gehen die Tage wie gewohnt weiter und sind gefüllt mit Feldarbeit, Wäsche waschen und Essen kochen. Wir sitzen derweil im Zug nach Bangalore und werden in rund 22 Stunden das IT-Center Indien erreichen. Dort angekommen, flüchten wir uns für eine Weile in den „Westen“. Frühstück mit Muffins und heißer Schokolade, riesige Shopping-malls, Pizza, heiß duschen…alles Dinge, von denen ich in den letzten vier Monaten nur geträumt habe.
Und abends liege ich in meinem Bett und ziehe mir die sauberen weißen Laken bis zur Nasenspitze. Ich bin in unserem Zimmer im 5. Stock des Gästehauses der Christ-University und kann nicht fassen, dass ich wirklich hier bin. Und dann wandern meine Gedanken zurueck in das kleine Bergdorf, wo die Frauen wahrscheinlich gerade an der Pumpe stehen.

(erschienen in Ultimo Januar 2009)

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