Halbzeit

Februar. Halbzeit. Bergfest.
Zeit für einen Rückblick und eine kurze Zwischenbilanz. Um die vergangenen Monate einmal Revue passieren zu lassen, habe ich in meinen Tagebüchern geblättert und einige kennzeichnende Sätze herausgesucht.

18.08.08: Ankunftsschock überwunden. Alles ist spannend und aufregend.
24.08.08: Gestern wurde der Führer des Welt-Hindu-Rates ermordet. Wir dürfen den Campus nicht verlassen.
07.09.08: Komme mir nutzlos vor. Will endlich eine Aufgabe haben.
02.10.08: Unterwegs nach Visakhapatnam, der Verkehr ist mörderisch.
25.10.08: War ein Jahr schon immer so lang, oder kommt mir das nur so vor?
01.11.08: Ich hasse Ameisen! Vor allem, wenn sie in meinem Tee. Schwimmen.
26.11.08: Bangalore: Die erste Pizza nach vier Monaten, ein Traum.
13.12.08: Warum klauen die Postbeamten eigentlich immer die Schokolade aus meinen Päckchen? Das ist doch nicht fair!
01.01.09: Komisch. Mit den Feiertagen im Rücken fühlt sich mein Aufenthalt irgendwie anders an.
10.01.09: Seminar zu „Frieden und Entwicklung“ in Bhubaneswar, der Hauptstadt von Orissa. Wow, und ich bin dabei!
28.01.09: „Heute hier, morgen dort“ Es geht nach Delhi zum Zwischenseminar für Freiwillige

Bei dem Versuch, eine Bilanz zu ziehen, stoße ich immer wieder auf ein und die selbe Frage: Wie lässt sich sich so ein Aufenthalt messen? Die Unterteilung in Monate oder Wochen ist nicht sehr aussagekräftig, denn noch nie ist mir Zeit so subjektiv vorgekommen. Ein Tag fühlt sich an wie eine halbe Ewigkeit, Wochen schrumpfen manchmal zu Stunden. Ich muss also andere Maßstäbe finden. Vielleicht geben folgende Zahlen ein wenig mehr Aufschluss ueber die Dimensionen, die ein halbes Jahr annehmen kann. Ich habe
Ø durchschnittlich 25 Std. in der Woche gearbeitet
Ø 370 Seiten Tagebuch geschrieben
Ø 23 Bücher gelesen
Ø rund 90 Kg Reis gegessen
Ø 118 Stunden im Zug verbracht und dadurch
Ø 4 Großstädte kennengelernt (Visakhapatnam, Bangalore, Bhubaneswar, Neu Delhi)
Ø 16 Dörfer besucht
Ø ca. 175x über die Landschaft gestaunt
Ø ca. 11x ausversehen auf Chili gebissen
Ø und unendlich oft an Zuhause gedacht.

Ich muss damit leben, nicht alleine hinaus zu dürfen und höchstens einmal die Woche einkaufen zu können, in Begleitung, versteht sich, habe Arbeit erfunden, wo keine war, (Z.B. bringen wir jetzt monatlich einen Newsletter heraus, in dem wir über unsere Organisation und ihre Projekte berichten.) esse mit den Fingern und habe gelernt, wie man einen Sari wickelt. Indien hat mir meinen Aufenthalt bis jetzt nicht immer einfach gemacht, doch auch das ist eine gute Erfahrung.
„Seltsamer und seltsamer“ sprach Alice, als sie ins Wunderland kam. „Seltsamer und seltsamer“ denke auch ich mir so manches mal, seit ich in Indien bin.

(erschienen in Ultimo Februar 2009)

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