Von Ziegenköpfen und anderen Unanehmlichkeiten

Bilanzieren, reflektieren, evaluiren…. nein, es handelt sich hierbei nicht um eine Hitliste intelligent klingender Fachbegriffe, sondern um die Inhalte meines Zwischenseminars. Alle weltwärts-Freiwilligen haben auf der Hälfte ihres Aufenthaltes ein ca. 5-tägiges Seminar währenddessen sie sich mit anderen Freiwilligen austauschen können, Anregungen für den weiteren Aufenthalt finden oder Probleme besprechen können.

Für meine Mitfreiwillige und mich bedeutete das eine Reise nach Neu Delhi und so machten wir es uns am 26.01.09 im Expresszug gemütlich, der für die nächsten zwei Nächte unser Zuhause sein sollte. So lange dauert es nämlich, wenn man auf den Schienen von Visakhapatnam nach Delhi gelangen will.

Es ist schon ertaunlich, über was man sich alles freuen kann. „Wow, Strom!” oder „Krass, heißes Wasser” waren nur eineige der Ausrufe, die man von den Seminarteilnehmern hören konnte.

Delhi lässt sich grob in Alt Delhi und Neu Delhi einteilen. Alt Delhi, das bedeutet, Rotes Fort, enge Gassen, Basare…kurz, das traditionelle indische Chaos, das für uns Europäer so nervenaufreibend ist. In Alt Delhi haben wir auch die Nama Masjid, die größte Moschee Indiens besucht. Ein wirklich beeindruckendes Gebäude aus rotem Sandstein inmitten eines Labyrinths kleiner überfüllter Straßen. Die Rufe der Händler vermischen sich mit den Klingeln der Fahrradrickshaws und erschrecktem Hühnergegacker zu einem unentwirrbaren Klangteppich, der wesentlich zum Flair dieses Viertels beiträgt.

Urgh! Ziegenköpfe auf 11:00 Uhr. Wer isst denn sowas? Bevor wir dem Fleischmarkt noch näher kommen, steigen wir lieber schnell in eine Autorickshaw. Das ist ein Indien, in dem auch ich mich nicht sehr gut auskenne. „Mein” Indien ist das von Buchsbaumhecken umsäumte Organisationgelände mit dem großen Eisentor vor der Einfahrt.

Während die anderen Freiwilligen mit leuchtenden Augen von ihren Projekten schwärmen, werfen meine Leidensgenossin und ich uns bekümmerte Blicke zu. Bis jetzt hatten wir uns erfolgreich eingeredet, es sei durchaus normal, dass man in einem Entwicklungsland nicht hinaus darf oder bei seinem Freiwilligendienst kaum Aufgaben hat, doch nun müssen wir erschreckt feststellen, dass das ganz und gar nicht der Fall ist. Mir wird klar, dass es falsch ist, meinen Freiwilligendienst als einjährige Durchhalteprobe zu betrachten und ich entschließe mich, mein Projekt zu verlassen.

Jetzt geht es mir besser. Ich hbae nicht die geringste Ahnung, wo ich ab der nächsten Woche sein werde, ja, ich weiß nicht einmal, auf welchem Kontinent ich dann bin. Finde ich ein neues Projekt in Indien? Oder kommen ich vorzeitig ins nass-kalte Deutschland zurück?

Was auch immer die Zukunft bringen wird, die lange Reise nach Delhi hat sich in vielerlei Hinsicht gelohnt.

(erschienen in Ultimo März 2009)

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