Parlamentswahlen in Indien

Eigentlich müsste über dem ganzen Land ein dumpfes Rumpeln und Knirschen liegen, denn seit einem Monat hat die größte Demokratie der Welt ihre Wahlmaschinerie in Gang gesetzt. 714 Mio. Inder sind wahlberechtigt, 4,7 Mio. Wahlhelfer und 21 Mio. Sicherheitsleute garantieren einen geregelten Ablauf der Parlamentswahlen. Der ganze Prozess ist in fünf Phasen unterteilt in denen die einezelnen Bundesstaaten gruppenweise wählen. In einigen der weniger entwickelten Staaten ist es zum Teil zu Ausschreitungen gekommen, die zumeist mit der starken Position der Maoisten in diesen Staaten zusammen hingen. Diese linksextremistische Gruppierung, die in Indien auch unter dem Namen „Naxaliten“ bekannt ist, schreckt nicht vor Bombenattentate und anderen Gewaltakten zurück um die Bevölkerung einzuschüchtern.
In Tamil Nadu spielen die Naxaliten kaum eine Rolle und die Wahlen sind vergleichsweise ruhig abgelaufen. Am Wahltag waren die Geschäfte geschlossen und die Straßen waren weitestgehend verlassen. Es war, als hätten die Menschen ihren Alltag für einige Stunden angehalten um ihr Recht als mündiger Bürger auszuüben. Erst abends nahm das geschäftige Treiben auf den Straßen wieder zu.
Viele Inder sind der Meinung, dass dies seit langem die freisten und reibungslosesten Wahlen gewesen sind. Unlautere Methoden wie Geldgeschenke oder Einschüchterung sind nämlich leider keine Seltenheit, aber fast 25 Mio. Wahlpersonal haben offensichtlich Wirkung gezeigt.
Was mich immer wieder erstaunt, ist die wohl unbewusste, aber deutliche Trennlinie, die zwischen dem politischen System „Demokratie“, also der Gleichberechtigung aller Menschen, und der extrem hierarchischen Gesellschaft in Indien verläuft. Was auf uns wie ein Widerspruch wirkt, funktioniert für die Inder ganz wunderbar. Jeder hat das Recht seinen Wahlzettel in die Urne zu werfen und so an der Bildung der Lok Shaba, des indischen Parlamentes mitzuwirken. Im Umgang miteinander jedoch wird genau ermittelt, wer wo auf der gesellschaftlichen Leiter steht und damit auch, wer was darf bzw. nicht darf. Ein Lehrer darf sich über seine Schüler lustig machen, eine Mutter mit Söhnen darf stolzer auf ihre Kinder sein, als eine mit Töchtern und ein Regierungsangestellter kommt einem Halbgott gleich. Natürlich bezieht sich das nicht auf alle Lehrer/Mütter/Beamten, dennoch ist diese Verallgemeinerung in meinen Augen gerechtfertigt, denn solche Situationen gehören zur Tagesordnung. Zum Glück fallen mir dererlei Ungleichheiten noch auf, doch meistens bin ich die einzige, die sich darüber wundert. Doch so fremd und unangenehm mir das auch vorkommt, ich kann mittlerweile verstehen, dass in einer Gesellschaft, in der 80% der Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben, jeder, der es „geschafft“ hat, dies auch zeigen möchte. Und das tut man eben durch die Zahl seiner Untergebenen.
Wahlversprechen gab es viele, was davon später in die Realität umgesetzt wird, ist ungewiss. Darin zumindest gleichen sich Deutschland und Indien.

(erschienen in Ultimo Juni 2009)

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