Wer hat an der Zeit gedreht…?

Immer öfter wandern meine Gedanken nach hause. Meine Zeit in Indien neigt sich dem Ende zu und die letzten Tage zerschmelzen wie Eis in der indischen Sonne. Plötzlich stehen all die Sachen an, die ich im letzten Jahr mit den Worten „ach, das mach ich, bevor ich nach hause fahre“ aufgeschoben habe. Natürlich hätte ich früher anfangen können, mit meinen Vorbereitungen, aber warum sollte etwas, was ich seit Jahren an Weihnachten versuche, hier in Indien funktionieren? „Rechtzeitig anfangen“ und „Zeitmanagement“ sind hier wie immer die Zauberworte, aber erstens hatte ich es noch nie so mit der Zauberei, das überlasse ich lieber Harry Potter, und zweitens heißt „rechtzeitig“ doch eigentlich nicht viel mehr, als „zur rechten Zeit“ und sagt nichts darüber aus, dass am Ende nicht doch alles in Hektik ausartet. Und schließlich sind die letzten Tage vor der Abreise doch genau die richtige Zeit dafür, noch schnell Erinnerungsfotos zu schießen, Mitbringsel zu kaufen, die letzten Briefe zu verschicken, etc. Und wenn das bedeutet, dass ich in den nächsten Tagen tausend Dinge gleichzeitig erledigen muss, dann ist das eben so. Wenigstens bleibt mir dann nicht allzu viel Zeit zum Trübsal blasen. Denn auch wenn ich mich wirklich darauf freue, wieder nach Deutschland zurück zu kehren, so fällt es mir doch schwer, Indien zu verlassen. In den vergangenen Monaten habe ich hier ein zu hause gefunden, das mir ans Herz gewachsen ist und das Leben in Lübeck wird eine große Umstellung für mich sein. Keine gelb-schwarzen Rickshaws, keine Kühe auf der Straße, keine 24/7 Beschallung aus den Lautsprechern diverser Tempel, Moscheen und Kirchen, keine Mangos aus dem Garten. Dafür so exotische Dinge wie Erdbeeren mit Sahne, ein geregelter Straßenverkehr und dazu kühle 23 °C. Doch bis es soweit ist, gibt es noch viele Dinge, die ich bald zum letzten Mal tun werde: Mit den Kindern im Kindergarten spielen, mir von den Mädchen unverständliche Tamil-Songs beibringen lassen, mich in meinem Sari verheddern…

Doch die Welt ist groß und es gibt noch viele andere Orte, die es kennen zu lernen gilt. Leider kann ich mich nicht zerteilen, so dass ich in meinem Leben bestimmt noch viele weitere Male Abschied nehmen muss. Und so lange sich Abschiedsschmerz und Vorfreude die Waage halten, will ich mich nicht beschweren. Außerdem wird es eindeutig Zeit, dass ich nach Hause komme, schließlich darf ich als Kind dieser Küste die Travemünder Woche nicht verpassen.

(erschienen in Ultimo Juli 2009)

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