Einmal Weltwärts und zurück, bitte!

Nach zwölf Monaten Indien kann ich wohl mit Fug und Recht behaupten, jetzt auch zu denen zu gehören, die „Auslandserfahrung“ haben. Mein Lebenslauf ist aufpoliert, ich bin sozialkompetent und sensibilisiert für kulturelle Unterschiede. Was das Herz jedes Personalchefs höher schlagen lässt, hat für mich kaum noch etwas mit den vergangenen Monaten zu tun. Was Politiker, Arbeitgeber oder auch Eltern für das ultimative Ziel so einer Auszeit im Ausland halten, scheint mir nun eher wie ein Beiprodukt. Sicherlich hat sich auch die eine oder andere „softskill“ eingestellt, während ich versuchte, mir mit Messbecher und Eimer die Haare zu waschen, doch rücken diese Dinge schnell in den Hintergrund, wenn es darum geht, sich in einen fremden Alltag einzufügen. Auf der einen Seite bedeutet das letzte Jahr für mich sehr viel mehr, als es die professionelle Rhetorik der Ausbildungsbetriebe und Universitäten auszudrücken vermag, doch auf der anderen Seite scheinen mir die Begriffe viel zu hochtrabend dafür, dass ich doch eigentlich einfach nur „da“ war.Ich habe mich mit viel Schweiß und so mancher Träne an die indische Kultur angepasst und eine Lebensweise angenommen, die nicht meine war. Ich habe einen Weg gefunden, indisch zu werden und dabei deutsch zu bleiben und zum Schluss habe mich auf der Mount Road in Chennai mit der gleichen Selbstverständlichkeit bewegt, mit der ich hier durch die Breite Straße gehe. Indien ist mir ans Herz gewachsen, ich liebe das Land und ich werde definitiv eines Tages zurückkehren. Jetzt jedoch ist erst einmal Lübeck live angesagt. Deutschland und Indien sind so unterschiedlich, dass ein Vergleich unmöglich ist und so stolpere ich von einem Leben ins andere. Beinahe ist es, als sei ich nie weg gewesen, denn alles ist noch genauso vertraut wie früher. Neunzehn Jahre hinterlassen eben doch ihre Spuren. Natürlich stelle ich mir jetzt auch die Frage „Was hat mein Auslandsaufenthalt eigentlich gebracht?“ Habe ich tatsächlich „Entwicklungshilfe“ geleistet? Habe ich dort etwas verändert? Beides lässt sich ziemlich eindeutig mit „Nein“ beantworten. Das mag im ersten Moment eine schockierende Erkenntnis sein, aber irgendwo ist es auch einleuchtend, dass man bloß mit dem Abitur und einer Portion guten Willen, eben doch nicht die Welt retten kann. War also alles umsonst? Glücklicherweise kann ich das ebenso eindeutig mit „nein“ beantworten. Dieses Mal war ich diejenige, die von diesem Aufenthalt profitiert hat, doch eines Tages werde ich hoffentlich in der Lage sein, einen echten Beitrag zu einer gerechteren Welt zu leisten, der ohne diesen ersten Aufenthalt gar nicht möglich wäre.Jetzt freue ich mich einfach nur, wieder hier zu sein, auch wenn es nicht für lange ist. Das Weltenbummeln scheint sich bei mir zu einer chronischen Krankheit zu entwickeln.

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