Suche: Amerika

Seit einigen Monaten bin ich jetzt schon auf der Suche nach Amerika. Wer hätte gedacht, dass die prominenteste Nation der Welt so schwer zu finden ist. Auf der Weltkarte ist das noch relativ einfach, aber bei den politischen Koordinaten ist das schon schwieriger. Rechts, links, geradeaus… mit der Euro-Krise, der occupy-Bewegung und einem beinahe bankrotten U.S. Staatshaushalt dreht sich sowieso alles im Kreis.

Wie bei einer Schnitzeljagd folge ich mal hier und mal dort einer Spur, nur um festzustellen, dass sie im Leeren endet, oder zurück zum Ausgangspunkt führt. Mittlerweile gibt es zuviele Windungen und Kurven, als dass ich sie alle in einem einzigen Eintrag beschreiben könnte. Deshalb habe ich die Kategorie suche: Amerika eingerichtet, wo ich in den kommenden Wochen ein wenig ausführlicher von meiner Suche berichten werde.

Vor allem hier in Washington wird mir ständig erzählt, das dies hier ganz und gar nicht Amerika ist. Auf der einen Seite ist das manchmal ganz schön frustrierend, denn für mich sieht es aus wie Amerika. Es riecht und klingt auch wie Amerika, aber es soll nicht Amerika sein?! Andererseits bin ich sehr geneigt, dem Anspruch Glauben zu schenken, wenn ich höre, wie hier an jedem Restaurant Tisch, im Bus und in der U-Bahn jeden Tag die Welt gerettet wird, bzw. ein neuer Schuldiger für die globale Misslage gefunden wird. Je nach politischer Haltung ist das meistens Präsident Obama, die EU, China, die Medien und natürlich die Terroristen.
Smalltalk in der Hauptstadt besteht aus intellektuellen Bemerkungen über die neueste Aufführung im Kennedy Center, Debatten über alles was Obama falsch macht, und natürlich Nachrichten. Der gemeine Bürger Washingtons ist nämlich per Definition süchtig nach den aktuellsten Neuigkeiten, vorzugsweise aus dem entferntesten Winkel der Welt, aber wahlweise auch aus dem Weißen Haus oder dem Capitol. Da ich gleichzeitig lerne, dass die Auflagen großer Tageszeitungen im ganze Land zurück gehen, muss ich aber wohl davon ausgehen, dass die Nachrichtensucht keine landesweite Epidemie darstellt.

So stellen sich US-Amerikaner die Welt vor

So stellen sich US-Amerikaner die Welt vor

Um ehrlich zu sein erinnert es mich eher an das viel besungene Stereotyp des “dummen Amerikaners”, der fragt wie wir denn mit der Mauer zwischen Deutschland und China zurecht kämen, oder ob wir in Europa denn auch Elektrizität hätten. Als selbsterklärte Toleranzlerin weiß ich natürlich, dass dies in keiner Weise auf alle Amerikaner zutrifft und weise mit hochgezogener Augenbraue jeden zurecht, der das anders sieht! Es sei denn, es ist ein Amerikaner, dann hat er oder sie natürlich Recht, denn die Meinung der “locals” hat sowieso immer Vorrang vor meiner eigenen. Doch im Ernst, es ist erstaunlich, wie selbstkritisch die Menschen hier (sprich: in DC) mit dem Klischee des ungebildeten Amis umgehen. Die Hauptstadt ist bevölkert von unglaublich selbst-reflektierten Amerikanern, die nicht nur gut bescheid wissen, was im Rest der Welt vor sich geht, sondern sich auch überaus bewusst sind, dass viele Amerikaner unwissend, desinteressiert und dumm sind (ihre Worte, nicht meine). Es scheint also, als sei Amerika nicht nur erstaunlich dumm, sondern auch gleichzeitig erstaunlich klug. Go figure 

Und so geht meine Suche also weiter. Auf der Straße, im Klassenzimmer und im Supermarkt.

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