Helden gesucht!

U.S. Marine Corps

Ein Thema, das mir schon seit einer Weile durch den Kopf geht, ist der Umgang mit Armee und Militär.  Ich habe keine richtige Theorie, was genau das Verständnis in Deutschland von dem in Amerika unterscheidet, und keine These, die auf soziologischen, psychologischen und historischen Konzepten aufbaut. Sicherlich kann die Fachliteratur zu diesem Thema ganze Regalreihen füllen, aber das hilft mir nur wenig, wenn es darum geht, zu begreifen, was da eigentlich vor sich geht, wenn mein Professor uns auffordert für den Bruder einer Kommilitonin zu applaudieren, der gerade auf Heimaturlaub aus Afghanistan kam.
Und ich meine, wirklich begreifen, nicht mit dem Kopf verstehen und in eine akademische Schublade einsortieren, sondern das Gefühl nachvollziehen, welches solche Szenen zu einem Teil amerikanischen Alltags macht.

Ich erinnere mich, wie misstrauisch ich als Kind war, wenn ich z. B. im Zug junge Männer in Armeekleidung gesehen habe. Sogar bevor ich in der Schule über Weltkriege und Kriegsverbrechen lernen würde, war mir der Anblick von Tarnkleidung nicht geheuer. Und bis heute hat sich das, wenn ich ehrlich bin, nur geringfügig geändert. Ich erwarte zwar nicht mehr der großen Sturmangriff, sondern weiß, dass die Jungs zum Beispiel gerade in ihrer Grundausbildung sind und über’s Wochenende zu ihrer Freundin fahren, aber ich kann nicht verhindern, dass ich mich frage, was für Menschen in dieser Uniform stecken. Und mir wird klar, wie wenig ich eigentlich über “unsere” Bundeswehr weiß: was genau passiert mit den (mittlerweile ja freiwilligen) Rekruten, wenn sie sich für den Wehrdienst entscheiden?

©Götz Wiedenroth

 Bruchstücke von Witzen über zu viel Bürokratie im Stil von “ab 1.50m fängt der Soldat selbstständig mit Schwimmbewegungn an” vermischen sich mit Bildern aus Kriegsfilmen und Reportagen aus Afghanistan und einer guten Portion Vorurteilen gegenüber denen, die sich für diesen Job melden (bzw. nicht rechtzeitig einen befreundeten Arzt gefunden haben, der ihnen ein Attest zur Ausmusterung ausstellt).

In Amerika sind Soldaten Helden. “Our boys”, “unsere Jungs”. Patriotismus ist Alltag und eine militärische Auszeichnung erwirbt einem sofortigen Respekt. Als deutsche fällt es mir schwer, eine derartige Einstellung zu beschreiben, ohne ironisch zu klingen.  Ich bin mir noch nicht sicher, was ich von all dem halten soll, aber ich habe genug gesehen, um es nicht länger mit Ironie zu betrachten. Es ist aufrichtig und ernstgemeint, wenn sich mein Professor bei besagtem Bruder für seinen Dienst bedankt. Und angesichts der Situation in Afghanistan und anderswo, ist Respekt vielleicht gar nicht so unangebracht. In Night Draws Near beschreibt Anthony Shadid (Auslandskorrespondent der Washington Post) den Krieg im Irak, und obwohl das Un- und Missverständnis  der meisten Soldaten für den Einsatz beinahe schon tragisch ist, so sind sie doch in erster Linie auch nur Schachfiguren in einem politischen Spiel, dessen Entscheidungen auf einer ganz anderen Bühne gefällt werden.

Auch wenn seit der Fußball-WM 2006 wieder deutlich mehr schwarz-rot-goldene Fahnen zu sehen sind, scheint die Deutsche Allgemeinheit doch eher ihren “Sicherheitsabstand” zur Vaterlandsliebe zu wahren. Dass das aber gleichermaßen auch zu einer großen Distanz zwischen der Bundeswehr und dem “Durchschnitts-Deutschen” führt, ist wohl eine natürliche Konsequenz. 

Zugegebenermaßen habe ich keine Statistik und keine Studien, die das belegen, es ist lediglich ein persönlicher Eindruck. Der im Übrigen auch dadurch verstärkt wird, dass die meisten Menschen genau wie ich, nicht einmal das richtige Vokabular kenne, geschweige denn genauere Organisationsstrukturen und Fachbegriffe. Und so mischen sich Unwissen und Vorurteile munter mit Weltkriegs-Terminologie und Nachrichten-Jargon. Bleibt nur zu hoffen, dass die Verantwortlichen in der Verteidigungspolitik sich besser auskennen.

Im Großen und Ganzen scheint es mir, dass Amerika und Deutschland an den gegenüberliegenden Enden desselben Spektrums liegen. Beide Extreme sind nicht gesund und verhindern klare Urteilsfähigkeit. Gleichermaßen haben beide Positionen offensichtliche historische Ursachen und es ist erstaunlich zu sehen, wie die Ereignisse von vor über 60 Jahren auch heute noch die Gesellschaft beeinflussen und eine Generationen prägen, die in jeder anderen Hinsicht vollkommen im 21. Jahrhundert verankert ist.

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