Lieben und Lieben Lassen

es handelt sich hierbei um die premieren-Rezension der aufführung “WERTHER-SPRACHE DER LIEBE” vom 12. Januar 2008 Am theater lübeck. Der Text ist eine deutsch-hausaufgabe aus der oberstufe und erreicht hiermit quasi die digitale volljährigkeit.

 

Werther liebt Lotte. Lotte liebt Albert. Albert ist Lottes Verlobter. Das kommt Ihnen bekannt vor? Goethe, genau. Goethes Roman “Die Leiden des Jungen Werther” diente dem Regisseur und Autor Kristo Šagor als Vorlage. Der zur Zeit meistgespielte Theater-Schriftsteller Deutschlands formte aus Goethes Worten eine Textcollage, die es möglich macht, den Roman szenisch darzustellen.

Schon während die Zuschauer in den Saal strömen, steht Werther (Jörn Kolpe) unbeweglich auf der Bühne. Mit leicht schiefer Körperhaltung zeigt er uns einen jungen Mann, der sein inneres Gleichgewicht verloren hat. Minutenlang verharrt er in dieser unbequemen Position und erst als es im Zuschauerraum ruhig geworden ist, beginnt er zu sprechen. Er spricht davon, Eins zu sein, mit der Natur: von seinem Wunsch, nicht länger geleitet zu werden; und er spricht von Lotte. Und davon, dass er sich nicht verlieben darf. Zwischen all diesen Wünschen aber schimmert immer wieder der Schauspieler hindurch. Man bekommt den Eindruck, als sei Kolpe erstaunt, nicht den von den Proben gewohnten leeren Saal vor sich zu haben, sondern ein beinahe voll besetztes Theater.

Beginnt jedoch erst einmal das Zusammenspiel mit Sina Kießling, die Lotte mit schlichter Authenzität verkörpert, verschwindet der Schauspieler Kolpe immer mehr und an seine Stelle tritt ein Werther, der es dem zum Teil noch jungen Publikum ermöglicht, Zugang zu Goethes Werk zu finden. Und später, beim Schlussapplaus, hat es sogar den Anschein, als könnte er, jetzt wieder Schauspieler, sich noch gar nicht richtig lösen, von der Welt um Werther, Lotte und Albert.

Zusammen mit Phillip Rohmann als Lottes Verlobten Albert, gelingt es Kolbe und Kießling, ihre komplizierte Dreiecksbeziehung so facettenreich darzustellen, dass ihre Liebe den Symbolcharakter verliert und für das Publikum realistisch und nachvollziehbar wird. Ihre menage à trois dient nicht länger als Projektionsfläche für moralische Lehren oder eindimensionale Gefühle, sondern wird selbst Gegenstand menschlichen Fühlens und Handelns. Wer dennoch eine Interpretationshilfe braucht, um die zerstörerische Kraft der Liebe zu erkennen, dem schreit das bei aller Bedeutungsschwere schlicht gebliebene Bühnenbild seine Aussage förmlich entgegen. Statt des romantischen, sehnsuchtsvollen Motivs vom Anfang des Stückes, klafft nun ein riesiges schwarzes Loch dort, wo vorher Lottes Kopf war. Lediglich die wie Scherben verstreuten Teile des Bildes zeugen von dem, was einmal war, nun jedoch nur noch eine Erinnerung ist.

Und wenn jemand mit dem festen Vorsatz ins Theater ginge, nicht eine Szene des Stückes zu interpretieren, spätestens wenn Werther selbst das letzte Element aus dem Bild heraus reißt, das einst seine große Liebe zeigte, dann wird auch er begreifen, wie schwer es manchmal sein kann, einen Menschen zu lieben. Er wird begreifen, vielleicht ein wenig benommen applaudieren und dann nach Hause gehen. Und ob er es nun weiß oder nicht: das nächste Mal vor die Wahl gestellt “Kino oder Theater?”, wird er sich fürs Theater entscheiden.

Dankeschön an das Theater Lübeck für viele gute Inszenierungen (und an meinen Deutsch-LK, der meine sprachlichen Verwirrungen klaglos ertrug)
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